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Außer Kontrolle - arbeiten Gehirne von Bulimikerinnen anders?

von Simone Georgieva

 

Die Essstörung Bulimie geht mit einem Kontrollverlust über das Essverhalten einher. Betroffene fühlen sich den regelmäßig wiederkehrenden Heißhungerattacken hilflos ausgeliefert und haben das Gefühl, keinen Einfluss auf ihr Essverhalten nehmen zu können. Möglicherweise beruht die Symptomatik auf einer verminderten Aktivität in Bereichen des Gehirns, die für die Steuerung und Kontrolle von Verhaltensweisen von Bedeutung sind

 

In einer aktuellen Studie der Columbia Universität in New York wurde herausgefunden, dass das gestörte Essverhalten bei Bulimikerinnen und der Kontrollverlust bei Essanfällen vermutlich durch eine Störung im neuronalen System, das die Impulskontrolle steuert, verursacht wird. Gemeinsam mit familiären und soziokulturellen Determinanten trägt eine Störung in diesem System möglicherweise zur Entstehung der Erkrankung bei.  Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Zeitschrift "Archives of General Psychiatry" veröffentlicht.

Störungsbild und Forschungsziel

Bulimia nervosa ist eine Essstörung, die meist im frühen Erwachsenenalter auftritt. Vor allem Frauen und Mädchen sind von der Störung betroffen, aber die Tendenz bei Männern ist ebenfalls steigend. Bulimie ist charakterisiert durch regelmäßig wiederkehrende Heißhungeranfälle, die mit einem Kontrollverlust über das Essverhalten einhergehen. Auf die „Essanfälle“ folgen schließlich diverse Gegenmaßnahmen wie Erbrechen, die Einnahme von Abführmitteln, übermäßige sportliche Aktivität, etc.

Forscher der Columbia University gingen der Frage nach, inwieweit der Kontrollverlust, den Bulimikerinnen in Bezug auf ihr Essverhalten zeigen, auch auf veränderten neuronalen Mechanismen beruht. Sie verglichen in einer Untersuchung die Reaktionsweise und Gehirnaktivität von Bulimikerinnen mit jener von gesunden Kontrollprobandinnen, während sie bestimmte Reaktionsaufgaben bearbeiteten. Die Untersuchung verfolgte das Forschungsziel, eventuelle Unterschiede in der Fähigkeit, Impulse zu kontrollieren, aufzudecken.

Stichprobe und Aufgabenstellung

Für die Untersuchung wurden 20 bulimische Patientinnen der Klinik für Essstörungen am psychiatrischen Institut New York herangezogen, sowie 20 gesunde Vergleichsprobandinnen.  Die beiden Gruppen wurden hinsichtlich Alter und BMI (Body-Mass-Index= Gewicht in kg/ Körperhöhe in m²) aufeinander abgestimmt, um möglichst genaue Forschungsergebnisse erzielen zu können. Die Probandinnen erhielten die Aufgabe, auf bestimmte vorgegebene Stimuli zu reagieren. Hierzu wurden auf einem Bildschirm mit schwarzem Hintergrund weiße Pfeile präsentiert, die entweder nach links oder rechts zeigten und  abwechselnd auf der linken oder rechten Bildschirmseite erschienen. Die Teilnehmerinnen sollten angeben, in welche Richtung der Pfeil zeigt, unabhängig davon, ob er auf  der linken oder rechten Bildschirmseite präsentiert worden war. Es sollte möglichst schnell reagiert werden, indem Knöpfe auf einer „Antwortbox“ gedrückt wurden. Innerhalb der 10 Durchgänge wurden  jeweils 102 Stimuli dargeboten.

Reaktionszeit und Fehlerquote

Generell fiel den Teilnehmerinnen die Aufgabenstellung relativ leicht, wenn die Pfeilrichtung mit der Bildschirmseite, auf der der Pfeil präsentiert wurde (z.B. ein nach links zeigender Pfeil erscheint auf der linken Bildschirmseite), übereinstimmte. Die Probandinnen reagierten  schneller und wiesen eine geringere Fehlerquote auf. War die Pfeilrichtung mit der Bildschirmseite inkongruent, so war die Aufgabe schwerer zu lösen, was sich in einer verlängerten Reaktionszeit und einer geringeren Trefferquote widerspiegelte. Die entscheidende Forschungsfrage, ob sich bulimische von gesunden Probandinnen unterscheiden, brachte folgende Ergebnisse: Die Patientinnen zeigten schnellere Reaktionszeiten und gaben häufiger falsche Antworten, vor allem bei inkongruenter Pfeilrichtung. Patientinnen mit einer stark ausgeprägten Symptomatik machten die meisten Fehler. Bulimische Teilnehmerinnen erkannten zwar, dass sie Fehler gemacht hatten, konnten aber ihr Antwortverhalten nicht dahingehend ändern, ihre Fehlerquote zu reduzieren. Das impulsive Antwortverhalten bei  Patientinnen lässt vermuten, dass die verminderte Fähigkeit, das Antwortverhalten zu steuern,  konform zu sein scheint mit der Impulsregulation während Essanfällen.

Gehirnaktivität und Impulskontrolle

Neben den Reaktionszeiten und den Treffer-/bzw. Fehlerquoten wurde die neuronale Aktivität mittels Blood Oxygen Level Dependency (BOLD) erfasst. BOLD ist ein bildgebendes Verfahren der funktionellen Magnetresonanztomografie, mit dem lokale Veränderungen in der Gehirnaktivität erfasst werden können. Die Ergebnisse zeigten, dass Gehirne von Bulimikerinnen anders mit der Aufgabenstellung umgingen, als jene von gesunden Vergleichsprobandinnen. Bei beiden Gruppen wurden bei der Bearbeitung der Aufgabe jene Gehirnareale aktiv, die für die Kontrolle von Verhalten und Impulsen bedeutsam sind. Bei gesunden Probandinnen wurden die beteiligten Gehirnregionen stärker und schneller aktiv und die Aktivierung klang langsamer ab, als bei den bulimischen Patientinnen. Bulimische Probandinnen wiesen eine deutlich verminderte Gehirnaktivität auf, wobei Patientinnen mit der geringsten Aktivierung jene mit der stärksten Symptomatik waren und auch die meisten Fehler bei der Aufgabe machten. Die Anomalitäten im neuronalen System bei bulimischen Patientinnen dürften nicht nur bei der Aufgabenstellung von Bedeutung sein. Die veränderte Gehirnaktivität trägt möglicherweise auch zum Unvermögen bei, Essanfälle und andere impulsive Verhaltensweisen zu kontrollieren. Patientinnen scheinen generell Schwierigkeiten zu haben, Gedanken und Verhaltensweisen zu steuern, auch andere Bereiche als das Essen betreffend.

Offene Fragen und Bilanzen 

Die Gründe für das impulsive und verstärkt fehlerhafte Antwortverhalten, sowie die verminderte Gehirnaktivität bei bulimischen Patientinnen, ist unklar. Forscher vermuten, dass die Ursachen möglicherweise aus einem Mangel des „Glückbotenstoffes“ Serotonin resultieren. Der Mangel spiegelt sich nicht nur in der Stimmungslage wider, sondern führt vermutlich auch zu einer Störung in der Selbstregulation. Auch bei gesunden Personen verursachen Störungen im Serotoninhaushalt impulsive und aggressive Verhaltensweisen und reduzieren die Gehirnaktivität in bestimmten Regionen. Offen bleiben die Fragen, ob die Ergebnisse auch auf Männer zutreffen, da die Untersuchung ausschließlich an Frauen durchgeführt wurde und ob die beeinträchtigte neuronale Aktivität eher als Ursache oder Folgeerscheinung der Erkrankung der Patienten zu sehen ist.

Quelle: Archives of General Psychiatry


Unser Kommentar: Beginnen wir mal von hinten: für mich ist die letzte Frage die zentrale Frage. Es scheint auch nicht sonderlich überraschend zu sein, dass bei bulimischen Patientinnen – zumindest zeitweise - nicht unbedingt ein überkontrolliertes Verhalten vorliegt. Die Interpretation derartiger Befunde sollte mit größter Vorsicht und Zurückhaltung erfolgen, noch dazu wenn sie an einer derart kleinen Stichprobe von beschränkter Aussagekraft gewonnen wurde. Auch wenn die modernenen bildgebenden Verfahren schöne bunte Darstellungen liefern, bleibt die Frage, inwieweit uns derartige Ergebnisse helfen könnten, so komplexe psychische Erkrankungen wie z.B. die Bulimie eine ist, verstehen oder – was ja das eigentliche Ziel sein sollte – behandeln zu können. Lassen wir also vorerst die Kirche im Dorf und warten wir auf weitere Forschungsergebnisse.

Gerald Kral/Zentrum Rodaun

 

Literaturtipps:

Corinna Jacobi, Thomas Paul, Andreas Thiel: Essstörungen. Bestellmöglichkeit bei amazon.at!

Cordula Keppler: Bulimie: Wenn Nahrung und Körper die Mutter ersetzen. Bestellmöglichkeit bei amazon.at!

Richard F. Thompson: Das Gehirn: Von der Nervenzelle zur Verhaltenssteuerung. Bestellmöglichkeit bei amazon.at!



Weitere Informationen zu diesem Themenbereich
finden Sie in unserem Beitrag

Essstörungen und Selbsthilfe

 


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