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Der Sohn als Mann-Ersatz


Söhne waren und sind oft Ersatz-Männer: Bremer Soziologe kritisiert verantwortungslose Väter und auch vom Leben enttäuschte Mütter

Unrühmliches Ende einer Dreiecksbeziehung im engsten Kreis der Familie: Der Sohn, heute ein anerkannter Gynäkologe in Deutschland, erinnert sich: "Und als wir dann beim Begräbnis am offenen Grab der Mutter standen, kam mein Vater auf mich zu und fragte mich: Du Sohn, weißt du, warum sich die Mutti umgebracht hat?"

Eine schmerzhafte Erfahrung, die offensichtlich viele Kinder gemacht haben (auch wenn sich die Mutter nicht umgebracht hat) und doch nur von wenigen angesprochen wird. Nicht nur der Gynäkologe fühlte sich als Sohn von seinen Eltern emotional in die Enge getrieben.

Bei einer Studie unter 500 deutschen und österreichischen Männern gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie den Vater als Bezugsperson vermissten und sich gleichzeitig von ihrer Mutter vereinnahmt fühlten. Univ.-Prof. Gerhard Amendt, Soziologe an der Universität in Bremen: "Wir haben eindeutige Belege dafür, dass Mütter in ihrem Frust über ihre Nur-Mutter-Rolle und gesellschaftliche Nicht-Anerkennung vor allem die Söhne emotional überfordern."

Der Forscher kritisiert an Hand seiner bisherigen Befunde: "Väter, die sich nur um das Geldverdienen kümmern, sind ebenso verantwortungslos wie Mütter, die ihre wohl als berechtigt erlebten Kränkungen ständig ihren Kindern anvertrauen."

In der Rolle des geheimen Vertrauten, der mehr über die Probleme seiner Mutter weiß als der eigene Vater, fühlten sich die wenigsten Söhne wohl, so Amendt. "Aus einer Mütter-Befragung wissen wir, dass diese Vereinnahmung durchaus auch sexualisiert sein kann." Konkret gab eine Reihe von Frauen an, sich bei der Pflege der Söhne besonders auf die Genitalien zu konzentrieren.

Diese Aussage wirbelte in Deutschland einigen Staub auf, doch der Soziologie-Professor bleibt dabei: "Das habe ich mir ja nicht aus den Fingern gesogen, das basiert auf harten Fakten."

Noch nicht untersucht wurde von seinem Institut das Mutter-Tochter-Verhältnis. Amendt geht jedoch davon aus, dass auch Töchter unter der Vereinnahmung leiden: "Bei ihnen ist es eher die Erwartungshaltung: Aus meiner Tochter muss unbedingt etwas werden, damit sie es einmal besser hat wie ich."

Gefragt wurde in der Studie "Vatersehnsucht", wie die heute 40-Jährigen mit ihrem Elternhaus fertig wurden. Dabei leiden viele unter "dem Verlust einer unbeschwerten Kindheit" bzw. der Sehnsucht nach dem Vater. Eingangs beschriebener Gynäkologe ließ einige Therapien über sich ergehen. Dabei fand er heraus: "Ich bin eigentlich ein arroganter Zyniker, der alles von den Frauen weiß, weil er es doch schon von seiner Mutter gehört hat."

"Kinder, die sowohl Vater als auch Mutter haben, sind ihr Leben lang privilegiert"

Unter Kindern, die sowohl einen Vater als auch eine Mutter haben, gibt es weniger Kriminalität oder Schulabbrecher; sie haben überhaupt mehr Chancen in der Gesellschaft. Oder wie der Pastoraltheologe und Männerforscher Paul Michael Zulehner sagt: "Solche Kinder sind ein Leben lang privilegiert."

"Den typischen Mann" an sich gibt es nicht, doch Rollenbilder. Und da herrschen nach wie vor die traditionellen Männer vor: "Das sind dann die Berufsmänner, die für das Einkommen der Familie sorgen, aber nicht für ihr Auskommen", so Zulehner. "Allerdings ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie immer noch schwer zu erreichen."

"Bestimmte Männlichkeitsbilder sind nach wie vor wirksam: Ein Mann muss Erfolg haben, effektiv und rational sein", sagt auch Christa Schnabl, Leiterin des Projekts zur Erforschung der Geschlechterverhältnisse am Ludwig-Boltzmann-Institut für Werteforschung. "Von den Kindern werden sie oft nur als diejenigen erlebt, die bei Konflikten das Machtwort sprechen."

Geraten traditionelle Männer in eine Lebenskrise, können sie oft nicht über ihre Probleme reden. "Sie erweisen sich als therapieresistent" so Zulehner. Allerdings hat in den vergangenen Jahren ein Umdenken eingesetzt, was sich im Werden von Männer-Selbstentwicklungsgruppen zeige.

"Der Typ des ,Neuen Mannes" bemüht sich um eine Balance zwischen Beruf, der Familie und seinem Innenleben", sagt Zulehner. In Österreich dürften rund 15 Prozent der Männer diesem Typ entsprechen. "Möglicherweise findet dieses Modell bei den jüngeren Männern mehr Anklang", so Zulehner. "Wobei aber nicht auszuschließen ist, dass sich so mancher nach der alten Bequemlichkeit sehnt."

©Kurier, Autor: Uwe Mauch, Werner Windhager


Unser Kommentar: Dieser Artikel, kürzlich im "Kurier" erschienen, beinhaltet wohl einigen Zündstoff. Die erwähnte "Vereinnahmung" in allen ihren Facetten rührt wohl an die Frage, an welchem Punkt Mißbrauch eigentlich beginnt. Auch die Feststellung "Kinder, die sowohl Vater als auch Mutter haben, sind ihr Leben lang privilegiert" wird an alleinerziehenden Elternteilen nicht spurlos vorbeigehen - wird daran doch sehr viel vom künftigen Leben eines Kindes festgemacht. Gemeint ist dabei aber wohl weniger der Familienstand oder die Wohnsituation als die Verfügbarkeit beider Elternteile. Dennoch muß dieser Feststellung entgegengehalten werden, daß bei einer Stichprobe von annähernd 1700 Patienten einer Einrichtung für ambulante Kinderpsychotherapie (Institut für Erziehungshilfe Wien), Kinder von getrennt lebenden Eltern nicht häufiger vertreten waren als in der Gesamtgesellschaft. Wir meinen, daß mit Aussagen wie in obigem Artikel vorsichtig und differenziert umgegangen werden muß, um gegenüber Kindern, für die nicht beide Elternteile gleichermaßen verfügbar sind, nicht von vorneherein eine negative Erwartungshaltung zu schaffen.

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